NEWSLETTER-ARTIKEL SEPTEMBER 2009

EFT und das Thema Vergebung

Es mag vielleicht paradox erscheinen: Jemand anderem zu vergeben ist das Egoistischste, was man machen kann, denn am meisten profitiert man selbst davon. Bevor ich mit einem Klienten das Thema Vergebung angehe, erkläre ich ihm, was ich darunter verstehe: 
Für mich ist Vergebung ein Akt, durch den man endgültig mit einer Situation 
abschließt, und zwar so, dass sie einem auf keinen Fall mehr belasten kann. 
Wenn ich einem Menschen wegen einer vergangenen Situation vergebe, bedeutet das nicht, dass ich sein Verhalten, was auch immer da passiert ist, gut heiße. Ich muss es nicht für richtig halten und kann in Zukunft – vielleicht sogar besser als vorher – meine Grenzen gegenüber dieser Person setzen und wahren.

Persönliche Vorteile der Vergebung

· Man kann mit einer Situation endgültig abschließen, d. h. es drängen sich hierzu zukünftig keine belastenden Gedanken oder Emotionen mehr auf. Es kann sein, dass einem die Situation danach viel unbedeutender vorkommt als vorher.

· Wenn die Vergebung zu 100% vollzogen ist, sowohl in Richtung der anderen Person(en) als auch auf sich bezogen, als auch auf das Universum/Gott, müsste die Belastung und das Leiden auf null sein.

· Man hat danach mehr Mitgefühl für sich und für die andere Person(en), erst einmal bezogen auf die Situation, aber auch die Fähigkeit generell Mitgefühl zu empfinden wird gesteigert.

Ist es immer gut zu vergeben? Muss ich alles vergeben?

Die Vorteile von Vergebung sind meines Erachtens immer da. Je extremer die Situation war, desto größer dürfte der eigene Vorteil des Vergebens sein. Und trotzdem: niemand muss vergeben. Es ist die freie Entscheidung eines jeden Einzelnen. Es kann sein, dass der richtige Zeitpunkt zur Vergebung der heftigsten Verletzungen noch nicht gekommen ist. In der Zwischenzeit kann man sich aber gut an den kleineren Sachen üben.

Die folgende Übung steigert die Vergebung bezogen auf eine bestimmte Situation. Es werden gezielt die Emotionen bearbeitet, die einen von der Vergebung abhalten, bzw. einem dabei im Wege stehen. Es kann in einigen Fällen sein, dass noch tiefergehende EFT-Arbeit nötig ist, bevor man vergeben kann. Wendet Euch hierzu an einen professionellen EFT-Anwender Eures Vertrauens.

Anleitung zur Steigerung der Vergebung mit EFT

1. Sucht Euch eine konkrete Situation Eurer Wahl, bei der die Vergebung noch nicht 100% erfolgt ist. Bitte nehmt zum ersten Ausprobieren nicht Eure schlimmste Verletzung, sondern eine mittel-intensive.

2. Beantwortet jetzt folgende Frage: Möchte ich der anderen Person vergeben? 
Wenn nein: zurück zu 1 und etwas anderes suchen. Oder macht Euch noch einmal die persönlichen Vorteile der Vergebung bewusst. Danach noch einmal die Eingangsfrage beantworten.

3. Schätzt bitte jetzt die Prozentzahl der bereits erfolgten Vergebung subjektiv ein: 0 % bedeutet noch gar nicht vergeben und 100% heißt bereits alles vergeben. Bitte beachtet, dass Euer Kopf und Euer Bauchgefühl unterschiedlich stark vergeben haben können. In diesem Fall schreibt Ihr beide Werte auf.

4. Jetzt beantwortet die Frage: Welche Emotion hält Euch vom vollkommenen Vergeben ab? Es kann jedes Gefühl sein wie z. B. Wut, Ärger, Angst, Scham, Hilflosigkeit …, aber es müssen Eure Gefühle sein - logisch. (Ihr könnt z. B. nicht den Ärger einer anderen Person auflösen. Das ist für die Vergebung auch nicht notwendig.)

5. Wie hoch bzw. intensiv fühlt sich diese Emotion an? 10 ist sehr stark, 0 ist nicht (mehr) vorhanden. Wir machen mal ein Beispiel: Wut auf den arroganten Peter auf 8.

6. Jetzt wird an der Handkante geklopft und dreimal der Satz ausgesprochen: Auch wenn ich diese  [Wut auf Peter] habe, akzeptiere ich mich so wie ich bin. Falls Eure Emotion eine andere als Wut ist, diese bitte anstelle von [Wut] setzen. (Wer mit dem Klopfprozess noch nicht so vertraut ist, findet hier eine PDF-Anleitung mit den Punkten und hier ein Beispielvideo.)

7. Jetzt klopft Ihr die anderen Punkte, und sprecht jeweils den Erinnerungssatz aus. In unserem Beispiel: Diese Wut auf Peter (oder was auch immer Eure Emotion ist).

Nur zur Erinnerung: Die Klopfpunkte der Kurzversion sind: auf dem Kopf, Ende der Augenbraue über der Nase, Seite vom Auge, unter dem Auge, unter der Nase, in der Kinnfalte, auf dem Ende vom Schlüsselbein und an der Seite vom Körper auf den Rippen.

8. Nun wird die Wut bzw. Eure Emotion erneut eingestuft. Und dann geht es weiter wie unter Schritt 6 und 7 beschrieben. Handkante klopfen und die EFT-Punkte klopfen, bis die Wut/Eure Emotion auf null ist.

Wenn die Emotion in einem Durchgang nicht weniger geworden ist, könnt ihr Schritt 6 und 7 noch einmal wiederholen, aber eigentlich müsste man jetzt Detektivarbeit betreiben. Das lernt man im EFT Basisworkshop.

9. Wenn Ihr erfolgreich die Wut/Eure Emotion aufgelöst habt, stuft Ihr den Grad Eurer Vergebung bezogen auf die Situation erneut ein (siehe Schritt 3). Falls die Vergebung noch nicht auf 100% ist, sucht Ihr Euch die nächste Emotion die Euch von der vollkommenen Vergebung abhält (siehe Schritt 4), stuft sie ein (siehe Schritt 5) und löst sie mit EFT auf (siehe Schritte 6 bis 8). Im Idealfall wiederholt Ihr das Spiel so lange, bis die Vergebung auf 100% ist - vom Kopf und vom Gefühl. Je nach Situation dauert das unterschiedlich lange. Aber egal wie lange, es lohnt sich immer!

Am Ende fühlt Ihr in Euch hinein. Wie fühlt sich die Situation jetzt an? Denkt Ihr jetzt anders über die beteiligte Person? Vielleicht hat sich auch das Gefühl zu Euch selbst geändert? Ich freue mich über Euer Feedback, z. B. via Email!

Sollte es so sein, dass es einem trotz bester Bemühungen - mit oder ohne EFT - nicht gelingt einer anderen Person zu vergeben, ist es empfehlenswert, sich selbst dafür zu vergeben, dass man im Moment dieser Person nicht vergeben kann.

Sowieso sollte man niemals vergessen, sich selbst zu vergeben, denn jeder ist sein eigener größter Kritiker.

Gibt es noch andere Möglichkeiten, mit EFT die Vergebung zu fördern?

Ja! Ihr könnt während des Klopfens der blockierenden Emotionen sogenannte Reframes einbauen. Das sind Sätze, die helfen, die Situation aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, was die Vergebung vorantreibt. Beispiele dafür sind:

· "Wenn er/sie diesen Fehler nicht gemacht hätte, wäre es keine Kunst und auch gar nicht nötig ihr zu vergeben. Ich vergebe ihr, weil sie einen Fehler gemacht hat."

· "Ich habe in der Situation mein Bestes gegeben, im Rahmen meiner Erfahrungen, Erziehung, meiner Verhaltensmuster, Knoten im Kopf usw. und dasselbe gilt auch für die andere Person. Jeder gibt immer sein Bestes, er macht immer das, was er für das Beste hält."

· "Ich entscheide mich zu vergeben. Ich habe die Freiheit, jedem zu vergeben, dem ich will."

· Oder vielleicht mal provokativ: "Ich will gar nicht vergeben. Ich brauche einen Sündenbock. Und wenn ich es selbst bin; ich liebe mein Selbstmitleid."

Wer an dem Thema Reframing interessiert ist und EFT Level 2 (oder etwas Vergleichbares) hat, für den könnte der Workshop „Intuitives Reframing mit EFT“ mit Maya de Vries und mir interessant sein.

Ausblick: noch etwas zum gedanklichen Drauf-herum-Kauen

Je häufiger man vergeben hat, umso mehr erkennt man, dass es im Grunde genommen gar nichts zu vergeben gibt; dass die Welt perfekt ist, so wie sie ist. Ein alter, verrosteter, verbogener, angesprühter, stinkender Mülleimer ist ein perfekter alter Mülleimer. Als er neu aus der Fabrik kam: leuchtend rot, aufrecht war es ein perfekter, neuer Mülleimer. Die Welt bewegt sich von einem perfekten Zustand in einen perfekten Zustand. Jedes Ding, jedes Lebewesen - inklusive der Menschen - ist der perfekte Ausdruck von dem, was es zu diesem Zeitpunkt ist.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Ausprobieren!

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